Hört der Rausch des Laufens eigentlich nie auf?

99 MAL

20131006002Ausruhen, mich erholen, in der Freizeit mal wieder was anderes machen; das hatte ich mir nach dem verrückten Jahr 2012 für 2013 vorgenommen. Nach all den Läufen und den damit verbundenen Erlebnissen und Erfahrungen war für 2013 Erholung angesagt und, ach ja, meine zweite Achillessehne sollte ja auch operiert werden. Und, ganz wichtig oder fast noch wichtiger als die rein körperliche Regeneration, brauchte auch mein Kopf mal Ruhe. Oder wie man so schön sagt, ich wollte mal wieder die Seele baumeln lassen. Gesagt, getan. Das Jahr 2013 kam und siehe da, es gelang mir, den Hebel umzulegen. Auch die Achillessehnenoperation verlief gut. Und endlich konnte ich auch wieder richtig viel am Haus oder am Auto tun. Hier und da etwas laufen, mit meinem Hund spazieren gehen, sogar ein Lauf mit Hermann Josef war hier und da möglich, also alles paletti. So lief das tatsächlich bis vor wenigen Wochen. Klar, das war schon der Gedanke im Kopf, den einen oder anderen Lauf zu machen, so aus dem Stehgreif heraus, einfach so, ohne Druck, ohne konkretes Ziel. Ich dachte da so an den Röntgenlauf im Oktober, den ich doch so liebe. So etwas schwebte mir schon vor. Quasi zum Abgewöhnen.

Ja und dann kommt der Tag, an dem ich mal wieder so durchs Internet surfe und“ rein zufällig“ bei Laufveranstaltungen lande. Und was sehe ich da? Deutschlands erster 24 Stunden Trail – Lauf. Und der sollte gar nicht weit weg von Bedburg stattfinden. In der Nähe von Dortmund. Aber schon Anfang Oktober. Also in 3 Wochen. Zweifel kamen auf, ob das überhaupt machbar ist, einfach so ohne Training. Und dann direkt wieder so lange. OK, 24 Stunden laufen, das schreckte mich nicht wirklich. Erstens weil ich schon erfolgreich einen 24 Stunden Lauf gemacht hatte ( letztes Jahr irgendwo in Thüringen, auf einer 1 Kilometer Runde ) und zweitens, also zweitens war nicht. Es gabt kein zweitens, nur ein erstens. Aber je mehr ich über dieses Event las, je reizvoller erschien es mir. Mann, 24 Stunden laufen aber nicht einfach so, sondern auf einer Trailstrecke. Und dann eine Premiere. Und erstmals besteht auch die Möglichkeit dass Claudia ( meine Frau ) und Dana ( der Hund meiner Frau ) mitkommen können. Übernachtungsmöglichkeit in einer Art Jugendherberge, direkt an der Strecke. Wahnsinn! Also wurden alle Bedenken auf Seite gedrängt und schon war meine Anmeldung unterwegs. Es blieben knapp drei Wochen zur gezielten Vorbereitung. 3 Wochen, die werden reichen. Ein paar wieder etwas längere Trainingläufe und schon stand das Wochenende vor der Tür.

Freitag, 04.10. ging es los, mit Frau und Hund. Ankunft am Nachmittag. Wetter – solala. Aber es sollte ja trocken bleiben. Erster Eindruck von der Strecke -super. Viel Wald und viel rauf und runter. Die Unterkunft: Erstaunlich gut, auch Claudia war sehr zufrieden. Und dann traf ich auch noch Didi. Didi kannte ich von einem 100 Kilometerlauf in Thüringen. Didi ist sehbehindert, aber dazu später mehr. Am Spätnachmittag dann die Registrierung, am Abend gab es eine Filmvorführung und dann fand auch noch eine Traildorado Opener Party statt. Herz was willst Du mehr. Samstag, 05.10. dann um 11:30 das Race Briefing; Hier wird mitgeteilt, dass Didi sehbehindert ist und Führungshilfe beim Lauf benötigt. Natürlich habe ich mich sofort gemeldet und die Sache war augenblicklich vom Tisch. Also dann mit Didi zusammen um 12:00 Uhr zum Start zu Deutschlands erstem 24h-Trail-Lauf. Mit Live Musik Unterstützung machen sich 58 Damen und Herren auf den Weg.

Wobei Weg leicht übertrieben ist. Trampelpfad ist wohl richtiger und zum Teil noch nicht mal so etwas. Eben Trail oder wie man früher sagte „ querfeldein bzw über Stock und Stein. Und dazu auch noch ständig rauf und runter. Ein kontinuierliches Laufen, unmöglich, ständig wechselndes Tempo bis hin zum Gehen, Übersteigen, Umgehen etc. Wie bewegt man sich hier eigentlich als Sehbehinderter. Und wie bewegt man sich hier eigentlich heute abend bzw heute Nacht. Nur mit Kopflampe und einer leicht erhellten Sehfläche von einem Quadratmeter. Ich wollte noch gar nicht darüber nachdenken. Noch war es ja hell. Mit dem angeleinten Didi gings in die ersten Runden. Um es ihm etwas einfacher zu machen, lief er auf dem Weg/Pfad, ich daneben. Na ja,da kam es dann auch nicht mehr drauf an. Eine Runde mit 3,8 Kilometer hört sich ja nicht gerade nach viel an. Wenn diese Runde dann aber 100 Höhenmeter aufweist und wenn es eben trailmäßig zugeht, dann bekommt selbst nur eine Runde ein anderes Gewicht. Und es sollten ja ein paar mehr werden. Was ist heute eigentlich mein Ziel? Klar, 24 Stunden Laufen, Gehen, – aber was bzw wieweit kommt man bei solchen Bedingungen. Vergleiche mit gemachten Erfahrungen sind nicht möglich, das war mir klar. Ich ließ es also einfach auf mich zukommen. Jetzt hieß es zuerst einmal ans Laufen zu kommen. Ruhig und geduldig zu bleiben, die Natur zu genießen und ansonsten einfach abzuschalten. Hier und da ein Plausch mit Didi oder einem anderen Teilnehmer, das war es für Stunden. Und, ach ja, nicht zu vergessen, die Nahrungs- und Getränke Aufnahme zu Beginn jeder Runde. Auch hier zeigte sich wieder, dass bei der Organisation dieses Events Profis am Werke waren. Es gab alles was man so zum Leben und Laufen braucht. Und mehr! Klasse !!

Der Veranstalter bot denjenigen, die zwischendurch auch mal eine etwas längere Pause machen wollten, die Möglichkeit an, diese Pause zu einem Besuch eines Vortrages oder eines workshops zu nutzen. Verrückt aber gut. Als die Dunkelheit hereinbrach, die Nacht kam, bekam das Laufen schon fast einen abenteuerlichen Charakter. Hier klinkte sich dann auch Didi aus. Er hatte sein erstes Ziel erreicht ( 50 Kilometer, das ist der sogenannte Kurzstrecken-Ultra. ) Aber Didi sollte zurückkommen. Schließlich sollte das Erreichen des Kurzstreckenultras ja nur sein erstes Ziel sein. Für mich geht es also „ alleine“ weiter, der Geisterstunde entgegen. Geisterstunde, ups, da war doch was. Richtig, Angst. „Alleine in einem unbekanntem Wald, in der Geisterstunde, ja da muss man doch Angst bekommen, oder? Und Angst macht bekanntermaßen Beine! Und siehe da, Bestzeit in der Runde der Geisterstunde. Ist also doch was dran. Nun wieder ernsthaft. Es ist weiterhin trocken – gut, die Luftfeuchtigkeit steigt stark – weniger gut. Aber nachts laufen ist schon irgendwie anders, spannend. Sehen tut man zwar weniger, aber riechen und hören, das tut man deutlich mehr als wenn es hell ist. Schon toll so im Dunkeln sich vorwärts zu bewegen. ( Laufen wäre hier zuviel des Guten gesagt ) Da wo es geht, kommt man fast schon ein wenig in Trance. Komisch, müde bin ich bis jetzt überhaupt nicht. Selbst die Stunden Richtung des sich nähernden Tages, noch spüre ich keine Müdigkeit. Und Beine und Gelenke funktionieren auch noch. Noch! Dann, irgendwann gegen 07:00 Uhr herum, kommt sie dann doch, die Müdigkeit. Und nicht langsam, schleichend, nein, überfallartig und vehement. Jetz nur noch irgendwie die Runde beenden und dann aufs Zimmer. Geschafft. Schuhe aus, aufs Bett und … weg. Wie Lichtausschalten – nur schneller!

Wäre Claudia nicht irgendwann, vom Frühstück kommend, wieder ins Zimmer gekommen, ich hätte den Rest der Veranstaltung inklusive der Siegerehrung verschlafen. Aber mit ihrer Hilfe komme ich hoch, ziehe mir frische Laufklamotten an, werfe mir beim Rausgehen aus dem Zimmer noch eine Handvoll Wasser ins Gesicht und schon bin ich wieder auf der Runde. Oh Mann, ist das jetzt schwer. Ist es wirklich so oder bilde ich mir das nur ein, die Runde ist jetzt am Sonntag viel länger, der Boden noch unebener, die Steigungen noch steiler. Was einem der Kopf so alles vorgaukeln kann. Dann aber deutet sich an, dass ich die 100 Kilometer bald erreicht habe. Das törnt an. Das macht mich wieder richtig wach. Die Hundert, das ist jetzt mein Ziel, ein Ziel was erreichbar ist. Wenn ich die im Sack habe, dann ist alles gut. Und dann ist da auch wieder Didi. Er hat einen neuen „Führer“ gefunden. Einen Führer, den auch ich akzeptieren kann. Didi, was für ein Typ. Sehbehindert und wirklich nicht aussehend wie ein Supersportler mit seinem nicht ganz kleinen Bauch. Aber was für ein Athlet. Toll, mit solchen Menschen ein Stück des Lebens gemeinsam zu gehen bzw zu laufen. Jetzt sind es nur noch knapp 4 Stunden, gleich sind auch die 100 Kilometer geschafft. Bald ist auch dieses Erlebnis Vergangenheit. Klar mit dem jetzt einsetzenden körperlichen Tief kommen auch die Kopfprobleme, die Zweifel, die Wut, die Fragen. Ja, ich kenne diese Augenblicke, was aber nicht heißt, dass es leichter ist, diese Momente zu überstehen. Ich denke an Claudia, an Dana, an den blöden alten Robertz zu Hause. Aber die können mir jetzt auch nicht helfen. Und so schleppe ich mich weiter, ja schleppe, weil Laufen ist das jetzt nicht mehr. In dieser Verfassung erreiche ich die Hundert, meine angestrebten 100 Kilometer. Hui, wie bescheuert ist der Mensch eigentlich. Gerade noch dem Tode näher als dem Leben, kommt jetzt wieder so etwas wie Leben in die Bude. Die Runde zu beenden ist auf einmal gar kein Problem mehr. Und da stehen ja auch schon Claudia und Dana. Hallo Ihre Beiden, alles klar bei Euch? Gut dass die Beiden mich kennen, gut dass sie wissen, wie bekloppt ich bin. Sonst würden sie mich jetzt nach dem Verstand fragen. Aber so, so gratulieren sie mir freundlich und nehmen mich einfach nur in den Arm. Caudia, keine Chance, ich habe Dein Kopfschütteln gesehen. Jetzt knapp 3 Stunden vor dem endgültigen Ultimo, gehen Claudia, Dana und ich gemeinsam zusammen auf die letzte Runde, auf meine persönliche Ehrenrunde und nach 104,2 Kilometern beende ich diesen schrecklichen, diesen verrückten, diesen verdammten aber unendlich schönen ersten deutschen 24 Stunden Trail-Lauf. Und ein zwölfer Platz ist auch noch dabei herumgekommen.

Hört der Rausch des Laufens eigentlich nie auf?

Wenn ich Glück habe, nein, dann hört dieser Rausch nicht auf! Nie !

Jörg Süßmann

Ein Gedanke zu „Hört der Rausch des Laufens eigentlich nie auf?

  1. Resi + Werner

    Toller Bericht, den wir unserem Anfängerkurs als Motivationshilfe mit auf Weg geben werden. Danke fürs Mitnehmen auf diesen 24 Stunden Trail, herzliche Glückwünsche zu mehr als einhundert Kilometern und das ohne richtige Vorbereitung und übrigens:
    Keine Angst, der Rausch wird nie aufhören

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